04.07.2018

Dr. Stefan Kampmann, Mitglied des Vorstands der Osram Licht AG und Mitglied des ZVEI-Vorstands

Amerikanische Internetgiganten wie Google und Co. drängen beim automatisierten Fahren nach vorn. Völlig neue Wettbewerber entstehen. Können bei diesem Rennen die klassischen Automobilbauer und deren Zulieferer mithalten?

Mit einem gewissen Abstand betrachtet ändert sich am Konzept des Autos durch das Autonome Fahren eigentlich gar nicht so viel, die wesentliche Grundfunktion bleibt unverändert: Es soll die Insassen zuverlässig, sicher und komfortabel von A nach B bringen. Fahrzeuge müssen hierfür natürlich viel intelligenter sein und benötigen dafür auch wesentlich mehr Sensorik und Datenanalyse.

Es gibt mehrere Möglichkeiten, wie sich die Industrie ändert: Die Technologiespezialisten könnten zu Autoherstellern werden. Manch ein Newcomer in den USA erfährt gerade durchaus schmerzhaft, dass das „Blech biegen“ eben doch nicht ganz trivial ist. Von daher ist es wahrscheinlicher, dass sich hier die meisten Spezialisten weiterhin auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren.

Es wird wohl eher so kommen, dass sich einfach eine neue Kategorie der Zulieferer ausbildet, die für Sensorik und Datenanalyse für das autonome Fahren verantwortlich zeichnen. Bei der Sensorik für Fahrzeuge spielen wir schon lange mit und wollen diese Stellung für das Autonome Fahren ausbauen.

Die Rolle der Zulieferindustrie wird in diesem Zusammenhang umgeschrieben; viele sagen sogar, sie sei schon heute der eigentliche Innovationstreiber im Automobilbau. Wer schlägt in Zukunft bei Smart Mobility den Takt?

Innovation im Automobilbereich war schon immer ein Wechselspiel: Manche neue Technologie wurde von den Autoherstellern getrieben, die ihre Anforderungen an die Zulieferer weitergegeben haben. In anderen Fällen haben die Zulieferer eine revolutionäre Idee gehabt und sind damit an die Autohersteller herangetreten. Insgesamt funktioniert Innovation hier nur, wenn Hersteller und Zulieferer schon bei der Entwicklung eng und vertrauensvoll zusammenarbeiten.

Im Zuge des digitalen Wandels hin zur Smarten Mobilität werden neue Dienstleistungen und neue – insbesondere datenbasierte – Geschäftsmodelle entstehen. Womit wird man in zehn Jahren das meiste Geld verdienen? Noch mit dem Verkauf von Autos?

Gegenfrage: Verdient man denn heute „das meiste Geld“ mit dem Verkauf von Autos? Nein. Der Nutzer gibt bereits jetzt ein Vielfaches des Kaufpreises für die Wartung seines Fahrzeuges sowie Kraftstoff und Reparaturen aus. Oder denken Sie an die Finanzierungsmodelle.

Aber natürlich wird es künftig viele neue Geschäftsmodelle geben. Wenn das Fahrzeug selbständig fährt, werden digitale Dienste noch wichtiger. Das Auto wird zum „Ganzkörper-Smartphone“. Wer würde nicht gerne ein wenig mehr Geld dafür ausgeben, dass Staus zuverlässig umfahren werden können? Und Restaurants werden auch bereit sein, Geld dafür auszugeben, von Autonomen Fahrzeugen als erste Adresse vorgeschlagen zu werden, wenn seine Insassen Hunger anmelden.

Wenn kein Fahrer mehr erforderlich ist, werden Unterhaltung, Internetnutzung oder die Möglichkeit zur Entspannung während der Fahrt an Bedeutung gewinnen. Das Interieur wird wichtiger. Erfreulicherweise gewinnen damit auch Innenraum-Lichtkonzepte an Bedeutung.

Die größten Umwälzungen von Geschäftsmodellen stehen aber gar nicht beim privaten Fahrzeug an. Wenn keine Fahrer mehr erforderlich sind, werden Güter- und Personentransporte auf der Straße natürlich grundlegend verändert.

Auf welche Innovation möchten Sie persönlich nicht verzichten, hat Ihr Leben am meisten beeinflusst?

Eigentlich sind es zwei. Eines aus der analogen und sein Pendant aus der digitalen Welt. Ich liebe mein iPad, weil es Berge von Papier vermeidet und mein elektronisches „Bürohelferlein“ ist, mit dem ich überall arbeiten kann und durch das ich jederzeit Zugriff auf meine Unterlagen habe. Andererseits möchte ich auch mein ledergebundenes Planungsbuch nicht missen, einfach, weil es so praktisch und effizient ist und sich auch gut anfasst. Haptik lässt sich nicht einfach digital ersetzen. 

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