Kurt Sievers, NXP Automobilvorstand & Geschäftsführer NXP Germany GmbH

Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts gab es in den USA mehr als 15.000 Elektroautos. Ungefähr zur Zeit der Gründung des ZVEI vor 100 Jahren gab es in Berlin 13 Unternehmen, die Elektroautos bauten. Heute sind Elektroautos ein Nischenprodukt. Was war damals anders?

Elektroautos waren damals in Mode. Ihr Anteil lag Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA bei fast 40 Prozent, der Anteil der dampfgetriebenen Fahrzeuge war übrigens noch etwas höher und nur der kleinere Rest waren Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor.

Vor gut 100 Jahren hat sich das Blatt gründlich gewendet. Den Siegeszug der Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor beschleunigte ausgerechnet eine Erfindung der Elektrotechnik: Der Anlasser. Außerdem erhöhte sich die Reichweite, sodass die Elektro-Vehikel mit den schweren und langsam aufladbaren Akkumulatoren ins Hintertreffen gerieten. Aber auch die Fahrzeuge insgesamt wurden immer elektrischer – nur eben der Antrieb nicht.

So ist es bis heute, Richtig?.

Ja, das moderne Auto steckt voller Elektrotechnik und Elektronik. Stellen Sie sich ein Fahrzeug ohne Elektrotechnik vor: Statt Anlasser müsste man kurbeln, Scheibenwischer würden von Hand betrieben, kein ABS und ESP, keine Airbags, Kerzen würden die Straßen so gut es geht erleuchten und den Verkehr an der Kreuzung regelte ein Polizist. Mobilität wie wir sie heute erleben, wäre schlechterdings undenkbar. In einem solchen Szenario hätte Kaiser Wilhelm recht behalten, der sagte: „Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung."

Bei einem typischen Fahrzeug der Mittelklasse liegt heute der Anteil der Elektroindustrie an den Produktionskosten bei über 30 Prozent. Was insbesondere unsere Premiumfahrzeuge so attraktiv macht, sind elektronische Systeme vom ABS über die Motorsteuerung durch Bordcomputer bis hin zur Einparkhilfe. Das alles sind Mikroelektronik- und Software-gesteuerte Funktionen. Innovationen im Fahrzeug kommen heute zu rund 90 Prozent aus der Mikroelektronik und Software.

Auf diese Entwicklung hat sich die europäische Mikroelektronik-Industrie frühzeitig ausgerichtet – mit Erfolg. Am Umsatz der europäischen Mikroelektronik-Hersteller hat die Automobilelektronik mit 33 Prozent einen wesentlich höheren Anteil, als im weitweiten Durchschnitt.

Und wo geht die Reise hin?

Elektromobilität und hoch automatisiertes, autonomes Fahren komplett vernetzter Fahrzeuge sind derzeit die vorherrschenden Gesprächsthemen. Die Hersteller überbieten sich geradezu mit der Ankündigung marktreifer Systeme.

Das Auto der Zukunft wird von einem Elektromotor angetrieben. Dafür braucht es zwar noch leistungsfähigere Batterien, aber die Ingenieure sind auch hier optimistisch. Das Auto wird mit Hochleistungselektronik ausgestattet sein: Verschiedene Sensor-Technologien wie Radar, Lidar und Kamerasysteme arbeiten zusammen. Sie beobachten die Funktionen im Auto selbst, analysieren die Umgebung. Sie produzieren mehrere TeraByte Daten, die von einem selbstlernenden zentralen Hochleistungsprozessor ausgewertet werden, mit dem Ziel, die korrekten der Umgebung angepassten Fahrentscheidungen zu treffen. Das Auto kommuniziert digital mit anderen Fahrzeugen, mit der Infrastruktur, möglicherweise auch mit dem Hersteller oder Dienstleistern.

Schritt für Schritt übernehmen die heutigen Fahrerassistenzsysteme die komplette Steuerung des Fahrzeugs – in zehn Jahren wird es soweit sein, dass der Fahrer zum Passagier geworden ist. Einige wenige Pessimisten erwarten den gleichen Wandel lediglich ein paar Jahre später.

Mit anderen Worten: Vor 100 Jahren hat das Elektroauto den Kürzeren gezogen. Jetzt wendet sich das Blatt. Wir bewegen uns auf eine völlig neue Mobilitätswelt zu, in der nicht mehr Mechanik und Maschinenbau die Hauptrolle spielen, sondern Mikroelektronik und Software. Es wird dadurch bei zunehmendem Verkehr weniger Unfälle geben und die Umwelt wird weniger belastet – ich freue mich darauf. Und dies wird keine 100 Jahre dauern.

Auf welche Innovation möchten Sie persönlich nicht verzichten, hat Ihr Leben am meisten beeinflusst?

Der ‚Ein/Aus‘ Schalter an allen meinen elektronischen Helfern, der mir immer zur Verfügung steht und oft hilft, den richtigen Mix aus menschlicher und maschineller Innovationskraft zu erzielen.

 

 

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