02.11.2017

Professor Johannes Bähr, Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main

Professor Bähr, Sie haben eine wissenschaftlich unabhängige Untersuchung der Geschichte des ZVEI von der Gründung 1918 bis zum Ende des Nationalsozialismus durchgeführt und dabei auch neu recherchierte Quellen genutzt. Welche Erkenntnis hat Sie selbst am meisten überrascht?

Bei den Recherchen für dieses Projekt habe ich gelernt, dass ein Branchenverband einen eigenen „Spirit“ entwickeln kann, der – abgesehen von der Zeit des Nationalsozialismus − über die Wechsel in der Leitung hinweg erhalten bleibt. Kernpunkte waren von Anfang an das Bemühen um einen Ausgleich zwischen unterschiedlichen Interessen innerhalb des Verbands sowie um internationale Kooperation und eine Sozialpartnerschaft. 

Wenn Sie den ZVEI von heute mit einst vergleichen: Welche signifikanten Kontinuitäten, welche Brüche sind zu erkennen?

Im ZVEI spielte von Anfang an der Gegensatz zwischen den Konzernen und den mittelständischen Unternehmen eine große Rolle. Der Verband trat auch damals schon gegen Protektionismus ein, dagegen stand das Thema Innovationen noch nicht im Mittelpunkt. Der ZVEI hatte im ersten Jahrzehnt rund 100 Mitglieder, heute sind es rund 1.600. Darin spiegelt sich die dynamische Entwicklung der Branche wider.

Welche Rolle hat der Verband im Nationalsozialismus ausgeübt? Wie war er in die Kriegswirtschaft eingebunden? 

Der ZVEI wurde schon im November 1933 in eine ständische Organisation ohne Verbandsautonomie überführt, aus der dann die Wirtschaftsgruppe Elektroindustrie als eine Art Behörde des Regimes entstand. Die Wirtschaftsgruppe hat an der Umsetzung der Rüstungsprogramme mitgewirkt und die „Arisierung“ jüdischer Mitgliedsfirmen gefördert. Sie wurde aber erst ab 1942 von einem Nationalsozialisten geleitet.

Welche technologische Innovation hat Ihr Leben, Ihre Arbeit am meisten berührt? Was möchten Sie nicht mehr missen? 

Auch die Arbeit von Historikern hat sich durch das Internet grundlegend verändert. Natürlich bleiben Archive für die Recherche unersetzbar – auch bei der Erarbeitung der ZVEI-Historie haben wir verschiedene Archive genutzt, zum Beispiel das Bundesarchiv, das Hessische Hauptstaatsarchiv oder das Siemens-Unternehmensarchiv. Große Teile der Recherche sind aber auch über das Internet erfolgt. Anders ist es heute nicht mehr vorstellbar. 

 

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