Ralf Christian, Division CEO Energy Management, Siemens AG

Welche Bedeutung hat für Sie das Schlagwort „Energiewende“?

Ich begreife die Energiewende als Trend hin zu einer nachhaltigen, erneuerbaren und damit komplett elektrischen Gesellschaft – und zwar weltweit. Sicher, noch entspricht dieses Bild nicht der Realität. Ich bin jedoch fest davon überzeugt, dass die völlige Elektrifizierung der Sektoren Wärme und Kälte sowie Verkehr auf längere Sicht realisiert wird und zwar auf Basis erneuerbarer Energien. 

Wie schnell dieser tiefgreifende Wandel Realität wird, hängt auch davon ab, wie intelligent das Netz wird. Denn wir brauchen ein smartes Netz, das mit dem neuen Energiemix klarkommt. Schließlich macht diese Revolution nur Sinn, wenn ein Großteil der Energie künftig aus Ökostrom besteht. Hinter der Energiewende steht immer noch der gemeinsame Anreiz, die weltweiten CO2-Emissionen drastisch zu senken. Eine Aufgabe, die die Aufmerksamkeit der gesamten Branche erfordert.

Wie wirtschaftlich ist die Energiewende und welche Auswirkungen hat sie auf den Arbeitsmarkt?

Ich sehe vor allem wirtschaftliches Potenzial im Bereich der erneuerbaren Energien. Deren Ausbau schreitet weltweit rasant voran. 2017 wurden laut International Renewable Energy Agency weltweit 167 Gigawatt zugebaut – ein absoluter Rekord. 

Für die Energiesysteme rund um den Erdball bedeutet dies Wachstum bei Windturbinen, Solaranlagen und auch noch Wasserkraftwerken. Die Technik wird leistungsfähiger und dabei günstiger, entsprechend fallen die Preise für regenerativen Strom – die magische Grenze von 3 US-Cent ist bei Solarparks im Mittleren Osten schon geknackt. Dieser Preissturz wird sich in den nächsten Jahren weiter fortsetzen.

Weltweite Trends, die auch Deutschland prägen: 2016 arbeiteten in Deutschland 338.600 im Bereich der erneuerbaren Energien – Tendenz steigend, vor allem in der Windenergie-Branche. Für zusätzlichen Boost könnte in den nächsten Jahren die Elektromobilität sorgen, die den CO2-Ausstoß im Transportsektor deutlich reduzieren wird. 

Welche technologischen Neuerungen werden maßgeblich zum Erfolg der Energiewende beitragen?

Ich sehe drei konkrete Technologiefelder: 

Erstens: Alles, was die Elektromobilität auf die Straße bringt. Etwa smartes Laden: Das E-Auto tankt zuhause automatisch dann auf, wenn die Strompreise am niedrigsten sind oder ein Überschuss an Erneuerbaren vorhanden ist. Oder Technologien, die ultraschnelles Laden ermöglichen. Insbesondere städtische Flotten und Busse stehen hier im Vordergrund.

Zweitens: Speichertechnologien für große Strommengen und längere Phasen benötigen wir umso dringender, je höher der Anteil der Erneuerbaren im Energiemix ausfällt. Ich sehe neben Batteriespeichern großes Potenzial bei Lösungen, die Elektrizität in speicherbare Energieformen umwandeln, etwa Wasserstoff, Methanol oder auch Wärme. 

Und drittens: Jeden Tag gewinnt das Internet der Dinge 5,5 Millionen neue Geräte und Maschinen dazu. Die Daten, die sie generieren, sind der Rohstoff des 21. Jahrhunderts. Doch ohne eine clevere Analyse dieser Daten bleiben sie wertlos. Smarte Plattformen und Künstliche Intelligenz können helfen, diese Daten in Mehrwert zu verwandeln.

Auf welche Innovation möchten Sie persönlich nicht verzichten, welche hat ihr Leben am meisten beeinflusst?

Ich habe gesehen, dass die meisten Interviewpartner in dieser Serie hier das Smartphone nennen. Um ehrlich zu sein: Das kommt mir natürlich auch zunächst in den Sinn. Der Abwechslung halber möchte ich aber eine Innovation nennen, die mich zuhause beeinflusst: meine Wärmepumpe. Durch sie bin ich – was das Heizen anbelangt – effizient, zunehmend erneuerbar und damit voll elektrisch. Ein kleines Beispiel also, wie sich die einst zentral gesteuerte Energiewelt wandelt.

 

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